Hammrich, Puß und Geise

 

 

 

Der Hammrich

 

Während der Besprechungen zur Schaffung der Schautafeln für die heimische Tierwelt kam die Frage auf, was ein Hammrich ist. Wie definiert man den landschaftlichen Begriff „Hammrich“? In den Nachschlagewerken fand sich nichts zu dieser Frage. Offensichtlich hatte sich noch niemand mit diesem Thema befaßt.

 

Diese Tatsache ließ uns jedoch nicht los und nach längeren Nachforschungen wurden wir fündig. Hier ist der Versuch, den Hammrich als ostfriesische oder norddeutsche Landschaft zu beschreiben.

 

 

Typische Hammrichlandschaft

 

Blick vom Middelweg nach Dreehusen

Blick vom Kirchhofshügel zum Vennenweg

 

  

Die Unterems wird von typischen, sogenannten Flußmarschen begrenzt. Im geologischen Aufbau wiederholt sich hier auf engem Raum und damit viel schärfer die Aufteilung Hochland-Sietland-Geestland als bei den Seemarschen.

Der Deich bildet eine Grenze zwischen dem von natürlichen Faktoren und vom Salzwasser geprägten Gebiet und dem geschützten Kulturland im Süßwasserbereich dahinter. Die noch bis ins Mittelalter bestehende breite brackische Übergangszone ist bis auf wenige Reste an den Flußläufen und Nebenarmen verschwunden.

 

Nach dem Abtauen der Gletscher nach der letzten Eiszeit kam es in den Flußtälern zunächst zu weiten Vermoorungen. Sehr bald kam es an den Emsufern zur Ablagerung von Klei (Ton), der überwiegend während der Sturmfluten herangebracht wurde und besonders im brackischen Übergangsbereich, aber auch weiter oberhalb ausflockte und abgesetzt wurde.

 

Die Ablagerung erfolgte vor allem in der Nähe des Flusses, da die Transportkraft schlagartig nachläßt, wenn der Fluß das Flußbett verläßt und in den Überschwemmungsgebieten fast stillsteht. Hinzu kam, daß das Flußufer und die niedrig gelegenen Flächen im Bereich des Süß- und oberen Brackwassers ursprünglich weithin mit Röhrichten (Rohrkolben, Binsen, Seggen usw.) bestanden waren, die die Sedimente aus dem Wasser herausfilterten. So entstand beiderseits des Flusses wie an allen anderen Wasserläufen ein erhöhter Uferwall aus mineralischem Material. An der Ems besteht er fast nur aus Ton und erreicht eine Breite von etwa ein bis zwei Kilometern. Der hier abgelagerte Ton ist seit langer Zeit der Rohstoff für die Ziegeleibetriebe im Rheiderland.

 

 

Kleiner Entwässerungsgraben („Schloot“)

Großer Entwässerungsgraben („Deep“)

 

 

Hinter dem Uferwall herrschte ein Sedimentmangel, weil alles ankommende Material in seinem Bereich abgefangen wurde. Dadurch entstanden ausgedehnte Moore, die im Wachstum dem durch den steigenden Meeresspiegel bestimmten Grundwasserspiegel folgten. In den nassen Phasen waren es meist Röhrichte, die den Torf bildeten, ließ der Grundwasseranstieg nach, entwickelten sich auch Seggengesellschaften und Bruchwälder. Stellenweise kam es auch zu einer Hochmoorbildung.

 

Der Deichbau hat seit dem Mittelalter die Landschaft in entscheidendem Maße verändert und geformt. Oft unterbrach er - mehrfach hintereinander - die natürlichen Wasserwege und führte damit nach und nach zu einer völlig anderen Infrastruktur, außerdem erschwerte er die Entwässerung besonders der im Binnenland gelegenen Marschen und war damit auch die Ursache für die Herausbildung landwirtschaftlich sehr ungleichwertiger Regionen innerhalb der Marsch. Die modernen, großzügigen Entwässerungsnetze und die künstliche Düngung haben diese Umstände zwar mildern, aber nicht beseitigen können.

 

Blick von der Weenermoorer Straße

 

In der Zeit vor dem Deichbau siedelte und wirtschaftete man auf den hochgelegenen Teilen der Marsch, auf den Uferrücken entlang von Flüssen, Prielen und Buchten, nicht selten dicht an der See, während die tiefergelegenen Hinterländer gemieden wurden. Auch nach dem Deichbau wurden diese Sietländer, die sogenannten Hammriche, noch lange nicht besiedelt. Dazu kam, daß die Gebiete schwer zu entwässern waren und so schnell versauerten. Noch heute befinden sich die meisten Dörfer des Rheiderlandes auf den Uferwällen oder auf höhergelegenen Sandrücken, während die Sietländer/Hammriche weitgehend siedlungsleer sind.

 

 

Der Hammrich ist bei Fahrradfahrern beliebt

Dirk Gelder auf dem Middelweg

 

 

 

 

Die Geise

 

Die Weener Geise ("Olle Ems")

 

Der heutige Geiseweg, ursprünglich eine Poststraße zwischen dem Ober- und dem Niederrheiderland, führte einst an der Weener Geise entlang, einem im 14. Jahrhundert durch mehrere Sturmfluten von Süden her entstandenen Seitenarm der Ems. Auch im Norden brachen die Fluten ins Land ein und bildeten dort die Jemgum Geise. Durch den von Graf Edzard von Ostfriesland 1494 beschlossenen Bau des „Muusdieks“ von Jemgumkloster bis nach Bunderhee konnte das Rheiderland buchstäblich vor dem Untergang bewahrt werden.

 

Die Weener Geise wurde auch „Olle Ems“ genannt und erstreckte sich von der Ems bei Buschfeld bis zum Soltborger Tief bei Holtgaste. Zeitweilig führte sie soviel Wasser, daß auch sie selbst Nebenarme („Geiske“) bildete und bis nach Coldam reichte. Durch den Bau der Deiche – auch an der Geise (Geisediek) - verlandeten die Geisen und zurück blieb durch Schlickablagerungen fruchtbar gewordenes Land.

 

Heute gibt es am Geiseweg einen Geiseschloot, der das Feerstenborgumer Tief mit dem Dwarsdeep verbindet und in den Karten des Katasteramtes findet man Flurbezeichnungen wie z.B. „Alte Marsch“ oder „Geisen“.

 

 

 

 

Der „Puß“

  

In Weenermoor gibt es zwei Bereiche, deren Bezeichnung „Puß“ lautet - der „Süderpuß“ und der „Norderpuß“.

 

Der Süderpuß liegt im Süden der Ortschaft Weenermoor und erstreckt sich in etwa vom Hof Müntinga (etwas nördlich vom „Sandweg“ gelegen) bis zum ehemaligen Hof Geelvink (nördlich der Dwarsdeep-Brücke).

 

Der Norderpuß erstreckt sich vom „Vennenweg“ bis zum „Voßbargweg“ bei St. Georgiwold und umfaßt die um die Hälfte größere Fläche.

 

Während der Süderpuß als Begriff nur noch sehr selten verwendet wird und fast vergessen ist, wird der allgemeine Begriff „Puß“ heute nur noch für den Norderpuß benutzt.

 

Woher der Begriff „Puß“ ursprünglich stammt, ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sicher ist allerdings, daß er sich auf ein tiefgelegenes, feuchtes, saures und oft sehr wenig fruchtbares Land bezieht, auf dem nur schlecht zu wirtschaften war. Die im „Puß“ lebenden Menschen waren in der Folge oft recht arm und wurden gemieden. Die Bezeichnung „Pußker“ war also eher negativ gemeint.

 

 

Arend Remmers schreibt in seinem Buch "Von Aaltukerei bis Zwischenmooren" zum Begriff "Puß":

 

In der „Statistischen Übersicht Ostfrieslands“ von 1871 wird der Begriff „Puß“ für einen schwach besiedelten Teil der Gemeinde Weenermoor genannt.

 

Arndt Richter erwähnt 1976 in seinem Beitrag „Die Wohnplätze in Ostfriesland im 16. bis 20. Jahrhundert und ihre politische und kirchliche Zugehörigkeit“ („Quellen und Forschung“ Beiheft 8, Aurich, S. 84) den Namen „Pust“

 

In diesem heute meistens für den nördlichen Teil Weenermoors gebräuchlichen  Namen steckt wahrscheinlich ein Flurname, der die niederdeutsche Bezeichnung „Püesk“, „Püesken“ für „Wollgras“ und „Rohrkolben“ (Eriophorum angustifolium und Typha angustifolia) enthält. Siehe hierzu J. Huntemann „Die plattdeutschen Namen unserer Kulturgewächse und der wildwachsenden Pflanzenarten“, Oldenburg 1931: S. 48 und 68

 

 

Schmalblättriges Wollgras

(Eriophorum angustifolium) 

 

 

Im Groningischen (Groninger Mundart) ist „Poes“ die Bezeichnung für eine „Schilfdolde“.

Aus: K. ter Laan: „Nieuw Groninger Woordenboek“, Groningen 1989, S. 707

 

Diese Namensgebung geht entweder auf das niederdeutsche Wort „Puus“ für „Katze“ (wegen der weichen, flauschigen Behaarung) oder „pusten“ für „blasen“ zurück.

 

A. Schöneboom führt in „Die Flurbenennung eines Hammrichdorfes“ („Ostfriesischer Hauskalender“ oder „Hausfreund“; Jahrgang 109 (1953: S. 28) den Flurnamen „Pau(s)“ im Jümmiger Hammrich ebenfalls auf das niederdeutsche „Puus“ bzw. „Puutjes“, „Pusters“ für  „Igelkolben“ und „Flausch des Wollgrases“ zurück.

 

 

Quelle: Arend Remmers: „Von Aaltukerei bis Zwischenmooren – Die Siedlungsnamen zwischen Dollart und Jade“; Verlag Schuster, Leer 2004; S. 183

Remmers gibt den Namen „Puß“ als nicht mehr gebräuchlich an.